Expertinneninterview

„Für einen qualitätsvollen Ganztag“ – Interview mit GEW-Vorstandsmitglied Doreen Siebernik

Doreen Siebernik© GEW

Was meinen Sie: Was wurde für qualitativ hochwertige Ganztagsbetreuung bereits erreicht?  

Ein großer Erfolg auf dem Weg zu einer flächendeckenden Ganztagsbetreuung ist, dass mittlerweile bundesweit die Hälfte der Kinder Ganztagsangebote nutzen kann. Lernen, Bewegen, Basteln, Erleben – mit diesen Angeboten können Kinder auf vielfältige Weise Freizeit verbringen: Das ist ein Fortschritt. Auf dem kann und sollte man aufbauen. Nicht vereinfachen sollten wir dabei aber den Begriff der Ganztagsbetreuung. Als frühere Erzieherin – aber auch als Gewerkschaftlerin – ist es mir wichtig, dass wir Kinder als Lernende verstehen. Wir müssen Lernangebote verändern und stärker in multiprofessionellen Teams arbeiten. Damit sich Menschen unterschiedlicher Professionen begegnen und um die Kinder herum eine gute Ganztagsbildung aufbauen können. Betreuung allein ist zu wenig. Wenn wir nur dem Wunsch der Eltern nach einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie entsprechen wollen, verschenken wir die Potenziale der Kinder. 

Wie kann gute Ganztagsbetreuung das Lernen in der Schule unterstützen? 

Kinder lernen den ganzen Tag – nicht nur im Dreiviertelstunden-Takt in der Schule. Kinder lernen beim Toben, beim Theater spielen, beim Streiten, Experimentieren und Basteln sowie insbesondere mit von Kindern beim Spielen. Wenn solche Angebote multiprofessionell begleitet werden, ist das für die Kinder ein großer Schritt hin zu guter Qualität. 
Dafür ist es auch notwendig, den Lernbegriff zu ändern. Ein Lernen, das sich loslöst vom Primat des Unterrichts. Das würdigt, dass Kinder im Spielen wesentliche Lernerfahrungen machen und soziales Lernen für gesellschaftliche Teilhabe wichtig ist. Zum Beispiel können Kinder Erfahrungen mit Demokratie machen: wo kann ich mitgestalten? Welche Rolle kann ich dort einnehmen? Ein klassischer Unterricht ermöglicht solche Erfahrungen oft nicht. Insbesondere drei Bundesländer haben auf dem Weg der Entwicklung von Ganztagsschulen schon deutliche Leuchttürme aufgebaut: Hamburg, Berlin, Thüringen. Auch in den östlichen Bundesländern gibt es schon viele gute Betreuungsangebote, die Horte. Allerdings sind Schule und Hort dort häufig nicht miteinander verzahnt. Unsere Vision von Schule ist, dass wir die Grundschule zu einer Ganztagsschule für die Kinder verändern wollen. 

Welche Herausforderungen sehen Sie? Was sind die drängendsten Fragen? 

Erstens müssen Kommunen in die Lage versetzt werden, Schulbauten und Gelände besser finanzieren zu können. Es müssen Mensen für die Mittagsbetreuung, Räume für den Ganztag und Schulhöfe, die Spiel- und Bewegungsangebote ermöglichen, gebaut werden. Da ist der Bund gefordert. Bei der Art, wie wir bauen, brauchen wir ein Denken weg vom klassischen Flurgebäude. Wir brauchen eine Schule, in der sich Kinder lernend bewegen können. So wie sich die Lehrmethoden in den letzten Jahren geändert haben, muss sich auch die Architektur von Schulen ändern. In flexibel und individuell gestalteten Gebäuden kann der Raum zum dritten Pädagogen werden. 
Zweitens brauchen wir pädagogische Konzepte: Was verstehen wir unter ganztägiger Bildung? Um diese zu entwickeln, braucht es Rahmen- und Schulentwicklungsprogramme. Es stellen sich viele Fragen: Welche Rolle haben Lehrerinnen und Lehrer am Nachmittag? Welche Aufgaben übernimmt die Sozialarbeiterin oder der Sozialarbeiter über den ganzen Tag? Und welche Verantwortung haben Erzieherinnen und Erzieher am Vormittag? Dafür braucht es nicht nur das Engagement der einzelnen Schule. Es braucht einen bundesweit vergleichbaren Qualitätsrahmen, der den pädagogischen Anspruch an Ganztagsangebote definiert. 
Drittens muss die pädagogische Ausbildung in Richtung Ganztag geöffnet werden. Angehende Lehrkräfte müssen schon im Studium lernen, was Ganztagsschule eigentlich heißt. Dabei geht es um die Frage, wie multiprofessionelle Teams gut gestaltet und aufgebaut werden können. In der Ausbildung zur Erzieherin/zum Erzieher gibt es schon gute Beispiele für die Kita. Das sollte auch für die Ganztagsschule gelingen.