1. Welche Hürden sehen Sie in der Praxis?
Die Lebensrealitäten von Kindern und Familien sind heute vielfältiger denn je. Entsprechend unterschiedlich sind auch die Erwartungen und Bedarfe an Schule und Ganztagsangebote. Gleichzeitig wächst der Bedarf an guten, verlässlichen und qualitativ hochwertigen Angeboten stetig. Eltern möchten Beruf und Familie besser miteinander vereinbaren können, Kinder sollen individuelle Förderung, soziales Lernen und ein gutes Miteinander erleben.
Mit dem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung kommt auf die Schulträger eine große Aufgabe zu. Ganztag muss gut vorbereitet, bedarfsgerecht ausgestaltet und verlässlich organisiert sein. Dafür braucht es ausreichend qualifiziertes Personal, geeignete Räume sowie eine enge Zusammenarbeit verschiedener Ämter und Institutionen.
Ganztag braucht jedoch nicht nur pädagogische Konzepte und Personal, sondern auch die passenden räumlichen Voraussetzungen. Viele Schulen stoßen bereits heute an bauliche Grenzen. Die bislang bereitgestellten Mittel reichen vielerorts nicht aus, um notwendige Erweiterungen, Modernisierungen und den Abbau bestehender Investitionsstaus zu finanzieren. Hier braucht es eine deutlich verlässlichere und bedarfsgerechtere finanzielle Ausstattung der Kommunen. Wer neue Aufgaben überträgt, muss dem Konnexitätsprinzip in vollem Umfang Rechnung tragen.
Zugleich geht es um ein erweitertes Verständnis von Schule: Schule ist heute nicht nur Lernort, sondern auch Lebensort für Kinder. Neben Unterricht gehören Förderung, Freizeitangebote, soziales Lernen und individuelle Unterstützung selbstverständlich dazu. Dafür müssen Schule, Jugendhilfe und weitere Partner eng zusammenarbeiten. Entscheidend ist dabei, Schule und Jugendhilfe nicht nebeneinander, sondern gemeinsam und ineinandergreifend zu denken. Nur wenn beide Systeme ihre jeweiligen Stärken verbinden, entsteht ein ganzheitliches Angebot für Kinder und Familien.
Guter Ganztag, mehr Chancen für Kinder und echte Bildungsgerechtigkeit entstehen zudem nicht nebenbei. Schulen brauchen verlässliche, kompetente und dauerhaft verfügbare Kooperationspartner, die mit qualitätsvollen Angeboten entlasten, ergänzen und unterstützen. Gerade hier haben wir in Neuwied aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre gelernt und zusätzliche personelle Ressourcen geschaffen. Dazu gehören eine zentrale Koordinierungsstelle, die Ganztagsangebote gemeinsam mit Schulen und Partnern steuert und weiterentwickelt, ebenso wie zusätzliche Musiklehrkräfte an der städtischen Musikschule, die gezielt für den Einsatz an Ganztagsschulen zur Verfügung stehen.
Eine zentrale Herausforderung besteht zudem darin, Ganztag konsequent familienorientiert und sozialräumlich zu denken. Angebote müssen sich an den tatsächlichen Lebenslagen der Familien orientieren und dort ansetzen, wo Kinder und Eltern ihren Alltag gestalten. Besonders wichtig ist es, Familien zu erreichen, denen unser Bildungs- und Betreuungssystem bislang wenig vertraut ist oder die bestehenden Angebote nur schwer nutzen können.
Eine weitere Herausforderung ist die Akzeptanz und Mitwirkung aller Beteiligten. Gute Ganztagsentwicklung gelingt nur gemeinsam – mit Schulen, Eltern, Verwaltung und der gesamten Schulgemeinschaft. Familien brauchen Klarheit, Transparenz und Vertrauen in die Angebote. Gute Kommunikation ist deshalb ein zentraler Erfolgsfaktor.
2. …und welche konkreten Maßnahmen zum Abbau von Zugangshürden setzen Sie um?
Wir setzen in Neuwied gezielt auf vernetzte und familienfreundliche Strukturen. Dazu gehören ämterübergreifende Zusammenarbeit, kurze Wege und klare Zuständigkeiten. Unser Ziel ist es, Familien den Zugang zu Unterstützungs- und Bildungsangeboten so einfach wie möglich zu machen. Dabei verfolgen wir einen klaren Ansatz: Wir gehen dorthin, wo die Familien sind.
Bereits heute bestehen in Neuwied vier Ganztagsschulen in Angebotsform. Sie leisten seit vielen Jahren einen wichtigen Beitrag für Kinder und Familien. Gleichzeitig sehen wir, dass die vorhandenen Kapazitäten angesichts steigender Nachfrage perspektivisch nicht mehr ausreichen. Deshalb treiben wir den weiteren Ausbau konsequent voran.
Ein wichtiger Schritt ist die Einrichtung zusätzlicher Ganztagsangebote. Hier starten wir zum Schuljahr 2026/2027 mit einer weiteren Ganztagsschule in Angebotsform. Darüber hinaus verfolgen wir die klare Strategie, langfristig in zumutbarer Entfernung für Familien in allen Stadtteilen verlässliche Angebote vorzuhalten. Für das Schuljahr 2027/2028 haben wir für drei weitere Grundschulen die Errichtungsoption für eine Ganztagsschule in Angebotsform beim Bildungsministerium beantragt.
Ebenso wichtig ist die qualitative Weiterentwicklung. Ganztag ist mehr als Betreuung. Während Betreuung vor allem Entlastung bietet, verbindet die Ganztagsschule Unterricht, individuelle Förderung, Freizeit und Lernzeit zu einem ganzheitlichen Bildungsangebot.
Zudem stärken wir den Sozialraum rund um Schule. Ganztag gelingt besonders dann, wenn Schule sich öffnet und mit Vereinen, Trägern und lokalen Partnern zusammenarbeitet. So entstehen vielfältige Angebote, die sich an den tatsächlichen Bedürfnissen der Kinder orientieren. Es braucht niedrigschwellige Zugänge, persönliche Ansprache und verlässliche Begleitung. Genau deshalb etablieren wir derzeit in der Neuwieder Innenstadt an drei Grundschulen Familiengrundschulzentren, die auch aus Mitteln des Startchancen-Programms finanziert werden. Schule wird damit noch stärker zum Anker im Quartier und zu einem unmittelbaren Zugangspunkt für Familien.
Transparente Kommunikation mit Eltern ist uns ebenfalls besonders wichtig. Informationen müssen verständlich, frühzeitig und verlässlich bereitgestellt werden. Das hilft, Unsicherheiten abzubauen und Vertrauen zu schaffen.
3. …und sehen Sie bereits Erfolge? Welche Maßnahmen waren dafür besonders effektiv? Was ist besonders wichtig, was sind echte Gelingensfaktoren?
Ja, wir sehen bereits heute positive Entwicklungen. Für uns ist der eingeschlagene Weg eine konsequente Fortsetzung unserer Arbeit als kinderfreundliche Kommune und unseres Einsatzes für mehr Chancengerechtigkeit.
Besonders erfolgreich ist überall dort, wo Zusammenarbeit gelingt: zwischen Schule, Jugendhilfe, Verwaltung, freien Trägern, Vereinen und Politik. Auch die Gespräche mit den Schulen, der ADD und dem Bildungsministerium verlaufen konstruktiv. Wenn Verantwortung gemeinsam getragen wird, entstehen tragfähige Lösungen.
Ein gutes Beispiel ist unser kommunaler Entwicklungsworkshop im Zusammenhang mit der Etablierung der Familiengrundschulzentren, in dem Mitarbeitende und Leitungen aus den im Prozess etablierten Ämtern gemeinsam mit externen Partnern an einer abgestimmten Strategie für mehr Bildungs- und Chancengerechtigkeit arbeiten. Hierbei bringen sich auch die zuständigen Abteilungen der Schulaufsicht (ADD), eine wissenschaftliche Begleitung des Chancenverbundes sowie die Wübben-Stiftung mit ihrer jeweiligen Expertise ein. Solche Formate stärken die gemeinsame Verantwortung und helfen, tragfähige Lösungen über Zuständigkeitsgrenzen hinweg zu entwickeln.
Ebenso wichtig ist es, Politik und Stadtgesellschaft aktiv mitzunehmen. Hierfür hatten wir im Januar 2026 eine Kick-Off-Veranstaltungen zum Start der Familiengrundschulzentren. Ebenso eine weitere Veranstaltung zum Thema Ganztagsförderung für Schulkollegien, Eltern und Kooperationspartner. Hierdurch versuchen wir Transparenz, Beteiligung und Akzeptanz für die anstehenden Entwicklungen und Veränderung zu schaffen. Denn nachhaltige Veränderung gelingt nur, wenn möglichst viele Akteure voneinander wissen und den (skizzierten) Weg gemeinsam ausbauen und tragen.
Wichtige Gelingensfaktoren sind aus meiner Sicht drei Punkte: erstens verlässliche Strukturen, zweitens multiprofessionelle Zusammenarbeit und drittens größtmögliche Transparenz gegenüber Schulen und Familien.
Ganztag bedeutet Verlässlichkeit, Qualität und echte Wahlfreiheit. Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte arbeiten im Team und können Kinder ganzheitlich begleiten, Stärken erkennen und gezielt fördern. Damit geht es um weit mehr als die Umsetzung eines Rechtsanspruchs – es geht um bessere Bildungs- und Entwicklungschancen für alle Kinder.
Ganztag ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Er gelingt nur mit Offenheit, gegenseitigem Vertrauen und dem gemeinsamen Willen, Kindern die bestmöglichen Chancen zu eröffnen.
Bei allen Anstrengungen vor Ort bereiten mir die aktuellen Einsparungen in Schule und Jugendhilfe allerdings große Sorgen. Wer mehr Bildungsgerechtigkeit, bessere Chancen für Kinder und einen erfolgreichen Ganztag will, muss diese Bereiche stärken und verlässlich ausstatten. Wenn Schulsozialarbeit, Jugendhilfeangebote, Sprachförderung, Präventionsarbeit, Eingliederungshilfen für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen oder Unterstützung für Familien unter Druck geraten, trifft das ausgerechnet die Kinder, die auf besondere Begleitung angewiesen sind. Wenn zugleich Personal fehlt, Investitionen verschoben oder freiwillige Angebote reduziert werden müssen, gefährdet das den Aufbau eines qualitativ guten Ganztags massiv. Kürzungen an dieser Stelle senden ein fatales Signal. Wir verspielen Akzeptanz und Vertrauen bei Lehrkräften, Eltern und Kooperationspartnern – und am Ende verlieren vor allem unsere Kinder und Jugendlichen ihre Chancen.