„Der Anspruch auf Ganztag ab August stellt eine riesige Chance für mehr Bildungsgerechtigkeit, für viel mehr Förder- und Ausgleichmöglichkeiten dar“, stellte Mareike Wulf, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das zum Kongress eingeladen hatte, fest. Sie zeigte sich überzeugt, dass Unterricht und außerunterrichtliche Angebote zunehmend zusammenwachsen. Die Herausforderung bestehe jedoch darin, dass dafür auch die Kinder- und Jugendhilfe und die Schulen mit ihren unterschiedlichen Ansätzen gut zusammenwachsen. Frau Parlamentarische Staatssekretärin Wulf fügte hinzu:
Vor allem aber ist der Rechtsanspruch eine riesige Chance für mehr Bildungsgerechtigkeit. Immer noch ist Bildungserfolg in Deutschland stark von sozialer Herkunft abhängig. Ganztag kann ein Gamechanger sein!
Die Wissenschaft im Gedankenaustausch
Auf der Bühne, auf der Chezame und Rico Montero das Publikum mit ihrem Ganztag-Rap einheizten, herrschte Einigkeit über die Bedeutung von Übergängen für die Kinder und Jugendlichen und ihre Bildungsbiografien. In den Impulsen und der sich anschließenden Podiumsrunde mit Prof. Dr. Bettina Hünersdorf von der Martin-Luther-Universität Wittenberg, Prof. Dr. Sabine Doff von der Universität Bremen sowie Prof. Dr. Ivo Züchner von der Phillipps-Universität Marburg stand bei der Gestaltung dieser Übergänge auch die Mitwirkung der Schülerinnen und Schüler im Mittelpunkt.
Prof. Hünersdorf wünschte sich, dass Kinder mit ihren Wünschen ernstgenommen werden und den Ganztag mitgestalten können. „Wir sollten mit ihnen besprechen, wann was geschieht, damit sie Lust auf Ganztag haben“, hob sie hervor. Außerunterrichtliches solle kein Ort des Nachholens von Schulischem sein. Sie warnte:
Wenn die Aufgaben aus der Schule in den Hort verschoben werden, empfinden sich manche Kinder als noch schwächer und erfahren weniger Selbstbestimmung.
Schon lange beschäftigt sich Prof. Dr. Doff mit der Frage, wie der Übergang von der Primar- zur Sekundarschule, speziell an Schulen in herausfordernder Lage, gelingen kann. Sie plädierte für Mindeststandards im Ganztag – auch, weil es eine Frage der Bildungsgerechtigkeit sei, dass diese erreicht würden. Welche Rolle spielen dabei die Mindeststandards? Die Antwort vorwegnehmend fragte sie: „Heißt Bildungsgerechtigkeit, dass jedes Kind ein gleich großes Stück Kuchen bekommt oder dass jedes Kind satt vom Bildungstisch aufsteht?“ Das von ihr nicht wörtlich implizierte Zauberwort lautet demnach: Individualität und Berücksichtigung der Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen.
Die Ausgestaltung der Übergänge und des Ganztags stelle eine komplexe Herausforderung dar, betonte Prof. Dr. Ivo Züchner. Er widmete seine Gedanken unter anderem dem „übergeordneten“ Übergang von formeller zu informeller Bildung, sprich der Freizeit. Die Komplexität resultiere aus den unterschiedlichen Erwartungshaltungen und Perspektiven der Kinder, ihrer Eltern sowie der Träger der Angebote und Schulen. Als ein Beispiel nannte er die Überlegung:
Wollen wir, dass der Ganztag komplett durchgestaltet und geplant ist, oder wollen wir den Kindern und Jugendlichen ermöglichen, den Schritt von der Freiheit zur Erfüllung von Verpflichtungen zu gehen?
Über allem aber stehe die Frage, was man mit dem Ganztag erreichen wolle: „Das haben wir bislang nicht geklärt.“
Wege zum Wohlfühlort Ganztag
Spannende Aspekte lieferte auch die von Anne Chebu moderierte Podiumsdiskussion „Kindgerechte Übergänge – damit Kinder sich im Ganztag wohlfühlen“. Die grundsätzliche Abwägung darüber, wie Ganztag zum Wohlfühlort werden kann, stand dabei im Zentrum des Gedankenaustauschs.
Für Wiebke Kottenkamp vom Bundeszentrum Kita- und Schulverpflegung in der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung steht fest, dass die Mittagsverpflegung ein ebenso emotionales wie zentrales Thema darstellt und „nicht nur, weil sie zeitlich zwischen Unterricht und Außerunterrichtlichem liegt“. Man müsse das große Potenzial der Verpflegung in Gemeinschaft erkennen – sowohl im Hinblick auf soziale Teilhabe und Bildung als auch auf Gesundheit.
Besonders wichtig ist es laut Dr. Andrea Wünsch vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt*innen e. V., die seelische und mentale Gesundheit der Kinder und Jugendlichen im Blick zu behalten. „Im Ganztag benötigen die Kinder verlässliche und qualifizierte Betreuungspersonen, die ein Gefühl dafür entwickeln, wie es ihnen geht. Und sie benötigen Ruhephasen“, betonte sie. Dem stimmte Lilli Berthold von der Bundesschüler*innenvertretung ausdrücklich zu: „Wer im Erwachsenenalter psychische Probleme zeigt, hat diese oft im Kindesalter entwickelt.“ Sie warnte davor, Kindern keine Kontrolle über ihren Tag am Lebensort Schule zu ermöglichen. „Kinder können entscheiden, was sie wollen“, sagte sie unter lautem Applaus der Zuhörenden.
Dem fügte Prof. Ludger Pesch von der Initiative für große Kinder e. V. hinzu: „Wir Erwachsenen gestalten den Alltag der Kinder. Da ist es das Minimum, dass unsere Einrichtungen kinderfreundlich sind.“ Mit Blick auf die an diesem Tag angesprochenen Übergänge legte sich Norman Heise von Bundeselternrat fest:
Übergänge sind oft Brüche statt Brücken. Ein Bruch wird dort verhindert, wo Phasen von An- und Entspannung zusammengehören.
Text: Stephan Lüke