Ganztagskongress 2026 – Tag 2

„Wir befinden uns auf einem guten Weg“

verschiedene Redner des Kongresses sitzen nebeneinander auf einer Bühne
© Felix Zahn/BMBFSFJ/phototek.de

Unter dem Motto „Übergänge weiterdenken“ diskutierten beim Ganztagskongress 2026 Politikerinnen und Politiker aus Bund, Ländern und Gemeinden zusammen mit Wissenschaft und Praxis in Berlin darüber, wie der Ganztag weiterentwickelt werden kann – und welche Chancen der ab August 2026 schrittweise eingeführte Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Kinder im Grundschulalter bietet. Zum zweitägigen Kongress eingeladen hatte das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Beim Kongress wurde deutlich: Der Ganztag ist weit mehr als ein Betreuungsangebot. Er gilt zunehmend als wichtiger Baustein für mehr Bildungsgerechtigkeit, bessere individuelle Förderung und gelingende Bildungsbiografien.

Karin Prien, Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, zeigte sich optimistisch: Ich wünsche mir Zuversicht und bin überzeugt, dass wir das hinkriegen. Gleichzeitig werbe ich um Geduld: Ziel des Ganztags ist es, allen Kindern bessere Bildungschancen zu eröffnen und sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu stärken. Der Ganztag schafft Zeit und Raum für individuelle Förderung, für soziale Erfahrungen und dafür, eigene Talente zu entdecken und auszuprobieren. Er leistet damit einen wichtigen Beitrag zu mehr Chancengerechtigkeit und unterstützt zugleich Familien bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Bei der Umsetzung des Rechtsanspruchs haben alle Bundesländer und ihre Schulen jedoch unterschiedliche Voraussetzungen. Da bin ich pragmatisch, da können wir nicht überall von Beginn an die gleiche Qualität erreichen.

Diese Einschätzung steht vor dem Hintergrund großer Herausforderungen im Bildungssystem, der demografischen Entwicklung sowie der aktuellen Haushaltslage. Umso größer sind die Erwartungen an den Ganztag. In vielerlei Hinsicht kommt es dabei auf die Flexibilität vor Ort bei der Umsetzung an. So verwies Prien darauf, dass nicht überall neue Gebäude entstehen müssten. Vielmehr könne auch die gemeinsame Nutzung vorhandener Räume ein Weg sein, zusätzliche Kapazitäten zu schaffen. 

Wir können hier nicht immer vom Goldstandard ausgehen. Vielmehr müssen wir auch hier pragmatisch schauen, welche Räume in Schule und Hort wie genutzt werden können. 

Ähnliches gelte für das Personal. Mit Blick auf den demografischen Wandel erklärte sie: 

Der Geburtenrückgang führt zu einem anderen Schlüssel von Personal und Kindern. Gleichzeitig müssen wir bei dessen Einsatz flexibler werden.

Nach Auffassung von Marc Elxnat vom Deutschen Städte- und Gemeindebund darf das nicht dazu führen, dass „wir die Erfüllung des Rechtsanspruchs nur in die Hände der Ehrenamtlichen bei den Kooperationspartnerinnen und -partnern legen.“
Der Amtschef im Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus, Martin Wunsch, ergänzte: 

Durch mehr Wertschätzung ihrer Arbeit finden wir leichter Personal.

Er zeigte sich im Übrigen davon überzeugt, dass der Rechtsanspruch zwar nicht zu einer revolutionären Transformation des Bildungssystems, aber zu einer kontinuierlichen Weiterentwicklung führe.

Die Teilnehmenden an der Talkrunde waren sich einig, dass eine engere Zusammenarbeit der Ministerien sowie der Kinder- und Jugendhilfe und Schulen wesentlich dazu beiträgt, das Kind stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Marc Elxnat betonte dabei die Fortschritte bei der Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteure:

Es gilt die Silos weiter aufzubrechen und wir befinden uns auf einem guten Weg.

Die Überwindung solcher Grenzen unterstrich die hessische Ministerin für Arbeit, Integration, Jugend und Soziales, Heike Hofmann: 

Wir müssen den Ganztag über die Ministeriumsgrenzen hinaus weiterentwickeln.

Dabei dachte sie aber auch an die im Ganztag Tätigen: 

Wir verstehen den Ganztag als Lebensraum der Schülerinnen und Schüler. Da ist es gut und wichtig, die Kinder aus verschiedenen Blickwinkeln zu erleben und so mehr individuelle Förderung zu ermöglichen. Dafür sind zum Beispiel multiprofessionelle Teams wichtig. 

Bundesministerin Karin Prien ergänzte: Wir haben schon viele gute Ganztagsschulen mit gelingenden Kooperationen. Dazu braucht es ein Miteinander von Kinder- und Jugendhilfe und Schule auf Augenhöhe. Wir haben über den Rechtsanspruch die große Chance, in eine neue Form der Zusammenarbeit unter Klärung eines gemeinsamen Bildungsbegriffs zu kommen.

Kurz und bündig: Einblicke in die Arbeit an der Basis

Wie solche Kooperationen in der Praxis funktionieren können, zeigten die zahlreichen Fachforen sowie die Pecha-Kucha-Vorträge. Julia Fietz und Marit Gehring von der Peter-Lunding-Schule Hasloh in Schleswig-Holstein beschrieben gegenseitigen Respekt und Wertschätzung als Grundlage ihrer Zusammenarbeit. So gestalte man verlässliche Räume und Übergänge für die Schülerinnen und Schüler:

Wir haben eine gemeinsame Haltung und übernehmen zusammen Verantwortung. Dabei schauen wir nicht nur auf Probleme, sondern stets nach vorne.

Die Evangelische Schulstiftung in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz stellte Beteiligungsprozesse bei der Gestaltung von Schulräumen vor. Wibke Ottemeier und Sabine Schirop hoben hervor, dass Räume mehr als vier Wände sind. Darum werden bei ihrer Gestaltung alle, insbesondere aber die Schülerinnen und Schüler, einbezogen:

Sie entwickeln Ideen, planen und sind bis zur Umsetzung beteiligt. Dabei berücksichtigen sie auch die Bedürfnisse der Erwachsenen.

Die Referentinnen sind überzeugt: 

Diese Beteiligung stärkt die Selbstwirksamkeit.

Die bewusste Gestaltung von Übergängen prägt auch die Arbeit der Gemeinschaftsschule Eggenstein in Baden-Württemberg. Eva Ladanyi bezeichnete die Wechsel von der Kita zur Grundschule und anschließend auf die weiterführende Schule als Meilensteine für die Kinder. Entsprechend wurden Schnupperangebote für die Kinder an den unterschiedlichen Einrichtungen etabliert. Damit auch der tägliche Übergang von Unterricht zu Außerunterrichtlichem leichter falle, unterstützen sich die jeweiligen Fachkräfte. Eva Ladanyi: 

Der Ganztag wird bei uns in jeder Hinsicht gemeinsam gesehen und gelebt.

Der zweite Kongresstag machte deutlich: Der Ganztag wird zunehmend als Weiterentwicklung des Bildungssystems verstanden. Gerade angesichts sinkender Bildungsleistungen und wachsender sozialer Herausforderungen sehen viele Akteure in ihm die Chance, Kinder früher, individueller und ganzheitlicher zu fördern.

Text: Stephan Lüke